Jürgen Schmidt-Hillebrand

Verantwortung im Kontext

Ein Text über Führung und Entscheidung

Verantwortung wird häufig einer Rolle zugeschrieben.

Mit der Position wächst sie.

Mit der Entscheidung zeigt sie sich.

Und doch beschreibt das nur einen Teil.

Gerade in verantwortlichen Rollen wird spürbar, dass Verantwortung nicht allein aus Zuständigkeit entsteht. Sie zeigt sich darin, wie jemand auf eine Situation antwortet. Im Wort selbst liegt bereits etwas davon: Verantwortung als Antwort.

Eine Antwort auf das, was gefordert ist.

Auf das, was unausgesprochen im Raum steht.

Was nicht einfach weitergegeben werden kann.

Dabei geht es nicht nur um Handeln, sondern um Haltung. Um die Frage, ob jemand sich zuständig fühlt, sich einlässt und bereit ist, die Folgen einer Entscheidung mitzutragen, auch die, die sich erst später zeigen.

Genau darin liegt eine Schwierigkeit, die sich nicht auflösen lässt. Eine Entscheidung kann im Moment ihrer Entstehung überzeugen: klar begründet, von allen Beteiligten nachvollzogen, in sich schlüssig. Auch ein bestimmtes Handeln kann zunächst richtig erscheinen. Und dennoch entfaltet es im weiteren Verlauf Wirkungen, die dieser Klarheit widersprechen.

Eine andere Entscheidung wiederum wirkt zunächst unfertig, kaum zu rechtfertigen, schwer zu vermitteln, und erweist sich deshalb als tragfähig, weil sie dem Kontext und dem Geschehen gerechter wurde, als es eine vorschnell hergestellte Klarheit vermocht hätte.

Das verschiebt, woran sich Verantwortung eigentlich bemisst. Nicht daran, ob etwas im Moment überzeugt. Sondern daran, wie es sich zu dem verhält, was zum Zeitpunkt der Entscheidung nicht vollständig sichtbar war: zu Beziehungen, die sich erst noch entwickeln, zu Erwartungen, die einander widersprechen, zu Folgen, die über den Augenblick hinausreichen und zu dem, was gerade erst im Entstehen ist.

Verantwortung entsteht deshalb nicht isoliert. Sie steht immer im Kontext, und dieser Kontext lässt sich selten vollständig überblicken, während entschieden werden muss.

Verantwortung ist damit kein Zustand, der einmal erreicht wird. Sie entsteht im Ringen um eine angemessene Antwort: im Abwägen, im Aushalten von Widersprüchen, im wiederholten Innehalten und Neujustieren.

Die eigentliche Aufgabe besteht oft nicht darin, alle Spannungen aufzulösen. Sondern darin, eine Antwort zu finden, die im gegebenen Kontext trägt.

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